– Vorwort –
Wenn ein Ermittlungsverfahren gegen eine Person eingeleitet wird, ist dies äußerst belastend. Über einen langen Zeitraum hinweg, nämlich so lange die Ermittlungen andauern, hat man mit der Ungewissheit im Hinblick auf den Ausgang des Verfahrens zu kämpfen.
Gerade im Sexualstrafrecht ist die Belastung für den Beschuldigten besonders hoch. Egal ob der Tatvorwurf Vergewaltigung, sexueller Missbrauch oder ähnliches lautet, ist es wichtig einen auf diesen Gebieten erfahrenen Strafverteidiger an der Seite zu haben.
In diesen Fällen steht oftmals Aussage-gegen-Aussage.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Staatsanwalt das Verfahren einstellt oder der Richter den Angeklagten freispricht.
Relevant für den Ausgang des Verfahrens ist die Überzeugung des Staatsanwaltes oder des Richters. Sofern der Staatsanwalt bzw. Richter die Aussage der Anzeigeerstatterin überzeugender findet, erfolgt eine Anklageerhebung bzw. Verurteilung.
Lediglich wenn dem Beschuldigten mehr geglaubt wird oder die entscheidende Person auch nach genauer Prüfung nicht sagen kann, wem sie mehr glaubt, erfolgt die Einstellung bzw. der Freispruch.
Die Arbeit eines Strafverteidigers besteht vor allem darin Ihre Sicht der Dinge zu erzählen.
Hierbei ist es von absolut überragender Bedeutung, dass die Geschehnisse aus Sicht des Mandanten, nachvollziehbar und bestmöglich geschildert werden.
Der Strafverteidiger benötigt daher nicht nur rechtliche Expertise, sondern auch vor allem sprachliches Geschick.
Dem nachfolgenden Beispiel liegt ein tatsächlich stattgefundener Fall zugrunde.
Dieser wurde selbstverständlich so abgewandelt, dass kein Rückschluss auf die betroffenen Personen möglich ist. Die Namen sind frei erfunden.
In dem Fall haben wir die Aussage des Beschuldigten, nach dessen Schilderung, zu Papier gebracht und eingereicht.
Lesen Sie gerne beide Aussagen und entscheiden Sie:
Wem glauben Sie?
– Aussage der Zeugin bei der Polizei –
Mein Freund Thomas hat ein Alkoholproblem. Obwohl er einige Zeit auf Alkohol verzichtet hat, trinkt er seit Silvester vor wenigen Tagen wieder täglich. Er trinkt bereits morgens und geht daher auch nicht mehr zur Arbeit.
Ich habe eine Tochter, gemeinsam mit meinem Exfreund.
In der einjährigen Beziehung mit Thomas kam es bisher noch nie dazu, dass er aggressiv gegenüber mir oder meine Tochter gewesen wäre.
Am heutigen Tag ist es jedoch eskaliert.
Der Tag begann bereits damit, dass Thomas einige Vodka-Shots zusammen mit ein paar Flaschen Bier trank. Um meiner Tochter den Anblick meines alkoholisierten Freundes zu ersparen, habe ich sie heute Mittag zu ihrer Oma gebracht.
Als ich gegen 18 Uhr zurück in meine Wohnung kam, ist Thomas in der Wohnung herumgetorkelt. Er war sofort aggressiv und stieß mich gegen den Oberkörper. Er wurde zudem laut und begann mich zu beschimpfen. Plötzlich zog er mir an den Haaren und versuchte seinen Mund auf meinen zu pressen, um mich zu küssen. Ich wollte ihn einfach nur auf Abstand halten, er zog mich jedoch an den Haaren immer wieder zu sich.
Als ich mich weiter widersetzte, packte seine Hand meinen Hals und drückte zu. Ich werde nie vergessen, wie er mir hierbei ins Gesicht lachte. Seine Übergriffe wurden jetzt massiver. Er versuchte weiter mich zu küssen und fasste mich am Oberkörper an. Fast vollkommen verrückt stellte er immer wieder die Frage, ob ich jetzt machen würde oder ob er mir in die Fresse hauen solle.
Ich versuchte mich weiter mit ganzer Kraft zu widersetzen und wich seinen Küssen aus. Er wurde jedoch immer grober. Schließlich gelang es mir aber doch mich zu befreien.
Ich wollte ins Zimmer nebenan und die Polizei rufen. Da kam er aber bereits die Tür hereingestürmt und beleidigte mich als dreckige Hure und packte mich erneut. Er drückte mich mit voller Kraft gegen die Wand und drohte mir, bloß nicht die Polizei zu rufen. Wenn ich dies machen würde, könne er für nichts mehr garantieren.
Da er zu dem Zeitpunkt eine laufende Bewährungsstrafe hatte und sich nichts zuschulden kommen lassen durfte, nahm ich die Drohung ernst.
Er rastete nun vollkommen aus und zog mich auf das Bett und drückte mich mit seinem gesamten Körpergewicht nach unten. Hierbei fasste er mir immer wieder an meine Brüste und zwischen die Beine. Er war wie von Sinnen und sagte, dass ich nur ihm gehöre und gefälligst zu gehorchen hätte.
Er fasste mich überall an und drückte immer wieder seine Hand, die sich erneut um meinen Hals befand, zu. Ich glaube ich hatte in meinem gesamten bisherigen Leben noch nie solche Angst.
Er fing an mit seiner anderen Hand an meinem Intimbereich kreisende Bewegungen durchzuführen. Als er dann versuchte seine Hand in meine Jogginghose zu stecken, wehrte ich mich heftig. Aufgrund meines Strampelns konnte ich verhindern, dass er seine Finger in mich einführt.
Ganz plötzlich musste ich anfangen zu weinen und auf einmal ließ er los.
Ich bin aufgestanden und bekam noch einen Klaps auf den Po. Mir ging nur durch den Kopf, wie ich schnellstmöglich die Polizei rufen kann. Ich zog meine Schuhe an und wollte raus. Doch in dem Moment, war er schon wieder da. Er packte mich wieder an den Haaren und presste mich gegen die Tür. Immer wieder würgte er mich zusätzlich und wollte, dass ich ihm in die Augen schaue. Ich flehte ihn an mich loszulassen. Plötzlich ließ er mich los und ich rannte direkt aus der Tür und lief zu den Nachbarn; von dort aus rief ich die Polizei.
An meinem Hals befinden sich rote Flecken, an der Stelle, an der mich immer wieder gewürgt hat.
– Aussage des Beschuldigten über den Verteidiger –
Ich befinde mich seit etwa einem Jahr vor dem Vorfall in einer Beziehung mit Sabine.
An Silvester habe ich mal wieder, seit langer Zeit, Alkohol getrunken. Aufgrund meiner Alkoholerkrankung musste ich auch am Tag darauf etwas trinken und auch am folgenden Tag. Der von Sabine geschilderte Tag, war wenige Tage nach Silvester. Ich begann bereits morgens zu trinken und verzehrte über den Tag verteilt 6-7 “Flachmänner” Vodka und schätzungsweise 6-7 Flaschen Bier.
Am frühen Abend wollte ich nur noch ins Bett. Ich legte mich zum Schlafen hin und döste noch eine Weile. Als ich auf mein Handy schauen wollte, fiel mir auf, dass ich dieses in der Küche liegen lassen haben musste. Ich stand daher nochmal auf, um es zu holen. In der Küche angekommen sah ich Sabine, die gerade dabei war mein Handy zu durchsuchen. Sie war sofort außer sich vor Wut, als sie mich sah. Sie muss die Chats und Bilder der anderen Frauen gesehen haben. Sie begann direkt zu schreien und packte eine halb-volle Plastikflasche auf dem Tisch und warf diese nach mir. Die Flasche traf mich am Kopf. Die Situation eskalierte, ich schrie Sabine an und wir beschimpften uns gegenseitig. Ich sagte ihr, dass ich die Wohnung und auch sie verlassen werde. Doch Sabine war nicht bereit dies zu akzeptieren und stellte sich vor mich. Sie wollte mich einfach nicht gehen lassen. Ich versuchte mich an ihr vorbeizudrängen, was Sabine nur noch wütender machte. Sie fing an mich immer heftiger zu stoßen. Sabine ist ungefähr so groß wie ich, aber 40 Kilogramm schwerer. Als ihre Stöße immer heftiger wurden und sie begann auf mich einzuschlagen, packte mich die Wut. Ich nahm sie am Hals und drückte sie gegen die Wand. Erst jetzt hörte sie auf, anders war sie nicht zu beruhigen.
Ich ging ins Schlafzimmer um meine Tasche zu packen. Sabine ging aus der Wohnung. Als ich meine Sachen aus der Wohnung zusammengesucht und in einen Karton und eine große Sporttasche verstaut hatte, stand auch bereits die Polizei in der Tür. Die Beamten nahmen mich mit und bestätigten mir später, dass ich überhaupt nicht aggressiv gewirkt und ihren Anweisungen ohne Widerrede Folge geleistet hätte.
